ein offener Brief an Alle überall, und auch an mich

Liebe Studentinnen und Studenten,

Kurz vor den Vortragsabenden werden die meisten von Euch scheinbar jedes Mal von einem grausamen, unsichtbaren Dämon besucht. Dieser spricht laut und unaufhörlich, besonders dann, wenn Ihr musiziert.

Er denkt aber nicht musikalisch. Er redet über das, was die Leute sagen werden. Er vergleicht Euch mit anderen Studis, mit Profimusikern, mit den größten Musikern der Welt. Er plappert weiter während Ihr spielt wie das nervigste Publikumsmitglied aller Zeiten, weist auf Fehler hin und bricht in schallendem Gelächter aus, er jammert über falsche Töne oder missglückte Lagewechsel, die schon längst vorbei sind, denn Ihr hört mit dem Spiel nicht auf, bloß weil er Euch ablenkt.

Er packt zwar keine Hustenbonbons aus in einem Tempo und einer Lautstärke, die mit Lachenmanneffekten verwechselt werden könnten. (Diesen Satz verstehe ich nicht)

Dafür hat er eine ganze PowerPoint Präsentation bereit über GRÜNDE, WARUM DIESER AUFTRITT TOTAL SCHEIßE WIRD und BEWEISE, DASS DU NICHT MAL AUF DER BÜHNE STEHEN SOLLTEST GESCHWEIGE AUFTRETEN.

Er erklärt alles so scheinbar wissenschaftlich und unanfechtbar, dass Ihr ihm zuhört wie ein ängstliches Schulkind. Er muss doch Recht haben, der ist doch so laut, so redegewandt, so Respekt einflößend. Er hat viel mehr Autorität als diese leise Stimme, die sich nur fürs Zuhören interessiert (so leise, dass sie fast komplett ausgelöscht wurde von der lauten Eilmeldung: WIE SCHEIßE DU BIST). Sie will nur den Moment auskosten, die positive Aufregung und den Klang erleben, sie genießt es, wie die Tränen bei bestimmten Stellen kommen, sie schätzt die Gleichzeitigkeit der Gesten mit den Kammermusikpartnern, die Stille zwischen Akkorden, die verrät, wie gespannt das Publikum ist, wie taub das Publikum ist gegen die Stimme des Dämons, der die Show stehlen will.

Bei den zahlreichen Feedbackübungen habt Ihr entdeckt, dass Selbstbild und Fremdbild zwei unterschiedliche Perspektiven sind: das eigene unvollkommene Musizieren fällt dem Publikum nicht auf!

Und doch bedeuten diese Informationen dem Dämonen wenig. Er nimmt diese Fakten und dreht sie in seine brillant böse Argumentation hinein wie der skrupelloseste Anwalt oder Politiker. „Ganz offensichtlich wissen sie nicht, wovon sie reden,“ sagt er. „Die wollten nur nett sein. Du willst ihnen lieber als mir zuhören? Ich zeig’s Dir!“

Nun denkt mal über das letzte Mal nach, als Ihr von einem Konzert berührt wart. Erinnert Ihr Euch an dieses ergreifende, herzöffnende Gefühl? An die Perfektion Deiner Verbindung zu der Musik, die Stille im Kopf? Brauchtet Ihr die Dämonenstimme, um zu wissen, dass es gut war? Natürlich nicht. Ihr habt es einfach gewusst, gefühlt, vollständig erlebt.

Lasst uns noch eine Idee betrachten. Ihr könnt Euch wahrscheinlich nicht daran erinnern, wie es war, das Gehen oder Sprechen zu lernen. Ich auch nicht.

Wir wissen allerdings, dass kleine Kinder immer wieder hinfallen, während sie das Laufen lernen.

Sie stehen immer wieder auf. Und versuchen aufs Neue! Warum? Weil es noch kein Dämon existiert, der ihnen erzählt, wie blöd und hinterher sie sind; dass sie es noch nicht richtig hinkriegen. Das Scheitern als Konzept existiert noch nicht.

Es gibt nur diesen Wunsch, diese Sache zu machen, den Großen nachzumachen, wenn sie sich von hier nach da bewegen und dabei die Hände frei haben. Es gibt die Ahnung, dass es möglich sein muss, und es gibt viel Zeit zur Experimentierung, zu schauen, wie dieses Phänomen funktioniert.

Diese Neugier, diese Offenheit streben wir in guten Zeiten an. Plötzlich rückt eine Frist ins Blickfeld und der Dämon fährt sofort voll auf und beendet den ganzen Spaß, das ganze Ausprobieren. „Das muss gut sein,“ sagt er, „und das Hinfallen ist nicht gut. Das Hinfallen ist beschämend. Das Hinfallen ist unverzeihlich.“

Wie wäre es, wenn wir (ich inklusive – der Dämon ist mein ältester Freund) eine radikale Stellung beziehen würden und der anderen Stimme beim Üben und Vorspielen zuhören würden, diese Stimme, die weiß, was sie will, die weiß, wann etwas gut war? I

Ich habe den Großteil meines Berufslebens damit verbracht, der Dämonenstimme über der anderen Stimme zuzuhören. Ich habe es zwar überlebt, aber das bloße Überleben ist nicht das Ziel, oder? Ich wünschte mir, ich könnte meine Konzerte so sehr genießen, wie andere meinten, dass sie mein Spiel genießen würden. Ich dachte, das wäre möglich, wenn ich nur den Dämon befriedigen könnte. Aber der Dämon, seinem Ruf getreu, ist unersättlich. Je mehr man ihm gibt, desto hungriger wird er. Je mehr Aufmerksamkeit man ihm schenkt, desto mehr wird er zur Rampensau. Wo bleibt der Platz für Euch, für die Musik?

Und das Hinfallen: wie schlimm ist dieses Hinfallen wirklich? Wenn Ihr über Eure persönliche Variante vom Hinfallen in der Musik nachdenkt, ist es nicht wahr, dass es schon vorbei ist, sobald es passiert ist? Wenn man sich nicht damit aufhält, verschwindet dieser Moment wie die Zauberkunst, denn die Musik findet zum Glück in der Zeit statt und Ihr seid schon bei der nächsten Stelle gelangt.

Erst in den letzten Jahren habe ich gelernt, der anderen, leiseren Stimme zuzuhören.

Der Dämon ist nicht für immer pensioniert, aber er weiß jetzt, wo er hingehört.

Ich stecke ihn in einen Käfig und werfe eine Decke drüber. Er wird vielleicht ab und zu rausgeholt, damit meine Freunde und ich uns über ihn lachen.

Ich weiß jetzt, seine Aussagen werden mein Musizieren nie verbessern, egal wie überzeugend sie sein mögen.

Die andere Stimme, so verkümmert nach Jahren der Vernachlässigung, ist selbstbewusster geworden. Sie sagt mir, was ich beim Üben, beim Unterrichten, beim Proben anstreben soll. Sie ist nicht daran gestört, wenn ich in einem dieser Bereiche hinfalle, sie ist immer in das verliebt, was jetzt gerade geschieht.

Also, liebe Studentinnen und Studenten, macht euren Dämon ausfindig.

Steckt ihn in einen Käfig und werft eine Decke drüber. Postet Fotos von ihm, über die wir kichern können. Nehmt euer musikalisches Leben von ihm zurück. Musik ist eine dämonenfreie Zone und weiß Gott, die brauchen die Menschen heute mehr denn je.

 

Mit Respekt, Liebe und Verehrung,
Elena

 

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